Der Blick ist einzigartig: Im Vordergrund das dunkle Grün der Arven und im Hintergrund der weiss schimmernde Aletschgletscher. Nicht nur der riesige Eisstrom, sondern auch der direkt an seinem Rand gelegene Aletschwald ist etwas Spezielles. 1933 wurde er durch die Naturschutzorganisation Pro Natura unter absoluten Schutz gestellt. Seither besuchen jährlich 50'000 bis 70'000 Personen das rund 410 Hektaren grosse Naturreservat. Der aufmerksame Wanderer erlebt in diesem Wald eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt, trifft auf die Spuren des Gletschers - und begegnet den ältesten Bäumen der Welt.
Noch vor 10'000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, war das Gebiet des Aletschwaldes unter einem mächtigen Eispanzer begraben. Der Rand des Aletschgletschers reichte damals fast bis auf die Riederfurka und im Aletschwald hinterliess der Gletscher um diese Zeit eine riesige Seitenmoräne, die auch heute noch wunderschön zu sehen ist (Moränenweg!). Seither hat sich der Gletscher aber nicht kontinuierlich auf sein heutiges Niveau zurückgezogen. Vielmehr wuchsen die Gletscher im gesamten Alpenraum während den so genannten kleinen Eiszeiten immer wieder mehr oder weniger stark an. Diese Vorstösse haben in der Landschaft und vor allem auch bei der Vegetation deutlich Spuren hinterlassen.
So auch im Aletschwald. Betrachtet man nämlich die Vegetation, dann kann diese in zwei verschiedene Zonen unterteilt werden:
Diese deutliche Zweiteilung ist auf den letzten Hochstand des Grossen Aletschgletschers zurückzuführen, dessen Rand um 1860 mehr als 200 Meter höher lag als heute. Die jüngste Seitenmoräne ist als scharfe Vegetationsgrenze in der Landschaft erkennbar. Seit 1860 hat sich der Aletschgletscher ständig zurückgezogen und auf beiden Seiten einen breiten Streifen Land freigegeben. Allmählich wird nun dieser ehemals vergletscherte Boden von der Vegetation zurück erobert: Zunächst von Pionierpflanzen, dann von Sträuchern und später von Bäumen. Aus Eis entsteht so tatsächlich langsam ein Wald!
Während die Vegetation auf der Jungmoräne noch sehr lückenhaft ist, dominiert nur wenige Meter daneben eine mehr oder weniger geschlossene Pflanzendecke. Der Boden wurde hier schon vor tausenden von Jahren vom Eis befreit - die Vegetation hatte entsprechend lange Zeit, um sich zu entwickeln. Deshalb trifft man hier nicht nur auf deutlich ältere Bäume, sondern auch auf einen dichten Unterwuchs aus Moosen, Gräsern und Zwergsträuchern. Zu den häufigsten Sträuchern gehören die Alpenrose und die Heidelbeere. Vor allem die blühenden Alpenrosen (meist in der zweiten Junihälfte) machen den Aletschwald zu einem besonderen Erlebnis.
Den wichtigsten Anteil an der Vegetation des Aletschwaldes bilden aber die Bäume. Aufgrund der rauen klimatischen Bedingungen trifft man dabei hauptsächlich auf die Arve (Zirbelkiefer) und die Lärche, während die Fichte (Rottanne) ein eher milderes Klima bevorzugt. Verschiedene Laubhölzer wie Birke, Grünerle und Eberesche (Vogelbeere) vervollständigen das Bild dieses Lärchen-Arvenwaldes.
Als Hauptbaumart des Aletschwaldes verdient die Arve an dieser Stelle eine spezielle Erwähnung. Zwei Merkmale charakterisieren diese Baumart: Einerseits ist sie ausserordentlich widerstandsfähig und andererseits wird sie unglaublich alt. Ihre Widerstandskraft, die sich unter anderem in der verdrehten und knorrigen Wuchsform äussert, verdanken die Arven dem Harz, das auch für den typischen Geruch dieser Baumart verantwortlich ist. Wird eine Arve durch äussere Einflüsse verletzt, verhindert das ausfliessende Harz sofort eine zusätzliche Schwächung durch andere Schädlinge wie Pilze oder Insekten.
Bedingt durch die extremen Bedingungen wachsen die Arven im Aletschwald ausserordentlich langsam: Ein 3 bis 4 Meter hoher Baum kann durchaus schon ein Alter von 60 bis 80 Jahren aufweisen! Das langsame Wachstum kompensieren sie aber mit einer hohen Lebenserwartung. Untersuchungen haben ergeben, dass die Arven des Aletschwaldes mindestens 600 bis 700 jährig werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit bringen es einige Arven sogar noch auf ein deutlich höheres Alter - im Aletschwald begegnet man damit wirklich den ältesten Bäumen der Schweiz.
Der Aletschwald bietet aber nicht nur einer Vielzahl an Pflanzen, sondern auch zahlreichen Tieren einen idealen Lebensraum. Neben Gämse, Rothirsch und Reh kommen vor allem Eichhörnchen, Fuchs, Dachs, Marder, Hermelin, Schnee- und Feldhasen vor. Die Rothirsche haben sich in den letzten Jahren gar derart stark vermehrt, dass sie nicht nur zu einer starken Konkurrenz für andere Tiere (z.B. Gämse) wurden, sondern auch einen negativen Einfluss auf die Vegetation ausüben. Der hohe Hirschbestand hat deshalb sogar jagdliche Eingriffe notwendig gemacht.
Neben den verschiedenen Säugetieren wurden im Aletschwald mehr als 60 Vogelarten nachgewiesen, die entweder regelmässig im Schutzgebiet brüten, oder aber zeitweise als Gäste im Aletschwald auftauchen. Zwei typische Vogelarten sollen hier kurz vorgestellt werden. Da ist zum einen der Tannenhäher. Der etwa taubengrosse Vogel nutzt nämlich die Nüsschen der Arve als Hauptnahrung, wobei er für den Winter riesige Vorräte davon anlegt. Aus den nicht genutzten Verstecken keimen dann die jungen Bäumchen aus. Damit hilft der Tannenhäher der Arve bei der Ausbreitung und trägt so zu Recht den Namen "Gärtner des Aletschwaldes".
Das zweite typische Beispiel aus der Vogelwelt des Aletschwaldes ist das Birkhuhn. Aufgrund menschlicher Einflüsse (z.B. touristische Erschliessungen) ist dieser Vogel leider in vielen Regionen der Alpen sehr selten geworden. Im Aletschgebiet hingegen trifft man ihn noch recht häufig an und mit etwas Glück lassen sich während der Balzzeit im Frühling die eindrücklichen Tänze der Hähne beobachten. Der Schutz des Lebensraumes zahlt sich somit aus, nicht zuletzt für den menschlichen Beobachter dieses faszinierenden Schauspiels.
Der Aletschwald war aber nicht immer ein Schutzgebiet. Vielmehr wurde er früher durch Beweidung und Holzwirtschaft stark genutzt. Während die Beweidung den Jungwuchs zerstörte, liess die Holzwirtschaft nur die ältesten Bäume stehen. Die Folge war ein stark überalterter Wald mit düsteren Zukunftsaussichten. Erst nach langen Verhandlungen mit der Burgergemeinde Ried-Mörel konnte Pro Natura den Wald 1933 auf die Dauer von 99 Jahren pachten und in der Folge unter absoluten Schutz stellen. 1999 konnte das bestehende Reservat durch einen neuen Vertrag vergrössert werden, so dass es heute rund 410 Hektaren umfasst. Die Bemühungen von Pro Natura betreffend Schutz des Aletschwaldes zeigen sich aber nicht nur in der Vergrösserung des Reservates. Periodische Aufnahmen im Schutzgebiet belegen eine zwar langsame, aber dennoch sehr gute Verjüngung des Waldes. Die zähen Verhandlungen vor mehr als 70 Jahren haben sich demnach gelohnt und der Wald erholt sich wieder! Und so ist der Aletschwald heute mit seiner spannenden Geschichte, seinen uralten Bäumen und all den Tieren in jeder Jahreszeit einen Besuch wert! Die geführten Exkursionen des Pro Natura Zentrums Aletsch, auf denen die Leiter/innen die Gäste in die vielen grossen und kleinen Geheimnisse dieses urtümlichen Waldes einweihen, werden deshalb mit Sicherheit zu einem unvergesslichen Erlebnis.
Pro Natura Zentrum Aletsch, 3987 Riederalp
www.pronatura.ch/aletsch;
aletsch@pronatura.ch
Laudo Albrecht: Aletsch – eine Landschaft erzählt. Vierter Band der Reihe "Die Reichtümer der Natur im Wallis". Rotten Verlags AG Visp, 1997.
Page updated: 22.09.2006
Aletsch Arena